Wenn der Partner ausfällt: Digitale Resilienz als Anforderung der Landes- und Bündnisverteidigung
Landes- und Bündnisverteidigung stellt neue Anforderungen an Streitkräfte und Industrie gleichermaßen. Munitionsvorräte, Ausrüstung, Logistik und Durchhaltefähigkeit stehen zu Recht im Fokus der Kriegstüchtigkeitsdebatte. Was bislang weitgehend ungestellt bleibt, ist die Frage nach der Resilienz digitaler Fähigkeiten. Was geschieht mit Systemen, auf die Streitkräfte für Führung, Lagebilderstellung und Kommunikation angewiesen sind, wenn deren Industrie-Partner selbst unter Druck gerät?
Das ist keine hypothetische Überlegung. NATO-Nationen planen heute für Szenarien, in denen Bündnispartner und Industriestandorte angegriffen werden. Dabei gelten für Software andere Gesetze als für Waffen und Fahrzeuge: Sie lässt sich nicht bevorraten. Sie erfordert kontinuierliche Weiterentwicklung, aktive Servicepräsenz und die Fähigkeit des Partners, Updates und Einsatzunterstützung unabhängig von der Sicherheitslage an einem Firmenstandort zu gewährleisten. Wer das nicht mitdenkt, beschafft Fähigkeiten, die im Ernstfall fragil sind.
Ein gemeinsames Ökosystem, kein einseitiger Liefervertrag
Dieser Beitrag ist zuerst auf Hartpunkt.de erschienen und wurde verfasst von Sven Trusch, Geschäftsführer Systematic GmbH
Die Bundeswehr baut mit dem Mission Enabling Service Bundeswehr (MESBw) ein dimensionsübergreifendes Software-Ökosystem auf. Führungsinformationssysteme werden darin nicht als isolierte Produkte beschafft, sondern als integrale Bestandteile einer vernetzten Architektur. Industrie-Partner werden Teil dieses Ökosystems, nicht Zulieferer am Rand.
Das verändert die Logik grundlegend. Wer heute als Partner in dieses Ökosystem eintritt, ist der Partner, auf den sich die Bundeswehr im Ernstfall verlässt. Diese Weichenstellungen laufen jetzt. Und sie erfordern Kriterien, die über die klassische Beschaffung hinausgehen.
Prüfsteine für belastbare Partnerschaften
Kann Weiterentwicklung und Betrieb aufrechterhalten werden, auch wenn ein Standort ausfällt? Resiliente Partnerschaften setzen voraus, dass einzelne Abhängigkeiten nicht zu strategischen Schwachstellen werden.
Ebenso entscheidend ist die Frage der Datensouveränität. Verbleiben operative Daten unter der Hoheit der nutzenden Nation, auch wenn sich die geopolitische Lage verändert? Unabhängigkeit von extraterritorialen Zugriffsansprüchen ist kein Compliance-Thema, sondern eine operative Voraussetzung für Führungsfähigkeit in LV/BV.
Schließlich: Ist der Partner bereit, nicht nur von außen zu liefern, sondern von innen mitzudenken? Einbindung in nationale Programme, direkter Dialog mit den Nutzern, Reaktion auf operative Erfahrungen in Wochen statt in Produktzyklen. Dazu gehört auch, Know-how im gesamten Ökosystem aufzubauen - bei Nutzern, Betreibern und Partnern, sodass Kompetenz dort entsteht, wo sie im Ernstfall gebraucht wird. Das unterscheidet einen Lieferanten von einem Partner.
Europäische Souveränität als Resilienzfrage
Digitale Souveränität wird oft als politische Forderung diskutiert. Im Kontext von LV/BV ist sie eine operative: Wer Führungsfähigkeit an Partner bindet, deren Rechtsrahmen außerhalb europäischer Kontrolle liegt (Stichwort CLOUD Act), erzeugt genau die Abhängigkeit, die Kriegstüchtigkeit ausschließen muss. Souveränität heißt hier nicht Abschottung, sondern die Gewissheit, dass digitale Führung innerhalb europäischer und bündniseingebetteter Strukturen aufrechterhalten werden kann, auch unter Druck. Gerade multinationale Operationsführung erfordert Systeme, die Interoperabilität und nationale Datenhoheit gleichzeitig gewährleisten. Wer das eine dem anderen opfert, verliert beides.
Ein Organisationsprinzip, kein Firmenprofil
Systematic entwickelt Kapazitäten und betreibt Standorte weltweit, nicht als Reaktion auf aktuelle geopolitische Debatten, sondern als Konsequenz aus vier Jahrzehnten multinationaler Einsatzerfahrung. Das Führungsinformationssystem SitaWare ist in über 50 Nationen und bei der NATO im operativen Einsatz. Die Anforderungen dieser Nutzer haben die Unternehmensstruktur geprägt: redundante Entwicklungszentren, lokale Teams, lokale Verantwortung.
Dabei geht es nicht um die Herkunft des Unternehmens. Das relevante Kriterium ist nicht, wo ein Unternehmen seinen Firmensitz hat, sondern wo seine Leistungsfähigkeit verankert ist, wenn es darauf ankommt.
Vom Beschaffen zum gemeinsamen Entwickeln
Wer LV/BV ernst nimmt, stellt an die digitale Industriebasis dieselben Anforderungen wie an die physische: Durchhaltefähigkeit, Redundanz, Bündniseinbettung. Mehrere NATO-Nationen bewegen sich bereits von einer transaktionalen Beschaffungslogik in Richtung einer tieferen Partnerschaft mit der Industrie: Fähigkeiten werden nicht mehr nur gekauft, sondern gemeinsam entwickelt, erprobt und fortgeschrieben. Für Deutschland, das mit MESBw ein einheitliches Software-Ökosystem über alle Dimensionen aufbaut, ist dieser Schritt nicht optional. Die Frage ist nicht, ob die digitale Industriebasis resilient sein muss, sondern ob die Partnerschaften diesen Anspruch erfüllen.
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