Entscheidungsüberlegenheit durch digitale Führungsfähigkeit - Warum Gefechte künftig im Datenraum gewonnen werden.
Das Heer beschafft Plattformen, Funkgeräte und Sensoren. Doch künftige Landoperationen werden an einer Stelle entschieden, die auf keiner Beschaffungsliste steht: an der Fähigkeit, aus der Datenflut schneller als der Gegner die richtige Entscheidung zu treffen und in Wirkung umzusetzen.
Vor diesem Hintergrund hat das Heer, um die Einsatzbereitschaft bis 2029 zu steigern, fünf Handlungsfelder priorisiert: Schutz gegen Bedrohungen aus dem bodennahen Luftraum, indirekte Wirkung, elektronischer Kampf aller Truppen, die tiefe Integration unbemannter Systeme sowie digitale Führungsfähigkeit und Künstliche Intelligenz (KI). Der entscheidende Faktor liegt dabei nicht in einzelnen Systemen, sondern im Zusammenspiel dreier Voraussetzungen: einer verbindenden Software-Schicht, einer offenen Architektur und einer partnerschaftlichen Beschaffung.
Das Gefecht wird zum Datenraum
Dieser Beitrag ist zuerst im Infobrief Heer erschienen und wurde verfasst von Sven Trusch, Geschäftsführer Systematic GmbH
Im Zentrum steht die so genannte „Data-centric Warfare“: Daten werden zur Munition der Kriegsführung. Sensoren und Effektoren übersättigen den Informationsraum und verkürzen die Entscheidungs- und Wirkungszyklen. Die Datenmenge übersteigt jede manuelle Verarbeitung. Unter Maßnahmen des elektronischen Kampfes trägt kein Netz mehr stabil und Wirkung muss über alle Dimensionen synchronisiert werden. Wer die Initiative gewinnen will, muss den Kreislauf aus Führung, Aufklärung und Wirkung schneller schließen als der Gegner. Genau hier zeigt sich, warum unter den fünf Handlungsfeldern die digitale Führungsfähigkeit heraussticht. Sie ist kein weiteres Fähigkeitsfeld neben Drohnenabwehr, indirektem Feuer, elektronischem Kampf oder unbemannten Systemen, sondern die Voraussetzung, die diese erst zusammenführt. Alle Mittel bleiben ohne Nutzen, wenn es nicht gelingt, die anfallenden Datenmassen zu einem belastbaren Lagebild zu verdichten und daraus überlegene Entscheidungen sowie eine koordinierte Wirkung abzuleiten, durchgängig über die Führungsebenen vom Korps bis auf die taktische Ebene und im multinationalen Verbund, in dem das Heer als Rahmennation führt.
Die verbindende Software-Schicht
Den Kern bildet ein Software-Ökosystem als digitalisierter Führungsverbund. Er führt heterogene Quellen zusammen, Sensor-, Melde- und Aufklärungsdaten aus allen Dimensionen, und verdichtet sie zu einem gemeinsamen Lagebild. Dieses wird durchgängig über alle Führungsebenen verteilt, bis zur unteren taktischen Ebene, und dimensions- sowie nationenübergreifend konsistent gehalten, auch unter degradierten Verbindungen (DDIL; Denied, Degraded, Intermittent, and Limited – Kommunikationsumgebung mit blockierter, beeinträchtigter, unregelmäßiger oder eingeschränkter Verbindung). Aus dem Lagebild speist sich die Zielbearbeitung: Zielaufklärung, Zielzuweisung und die kollaborative Koordinierung von Wirkung über Organisationsgrenzen, vom Sensor bis zum Effektor. Weitere Fähigkeiten, bis hin zur Verwundetensteuerung und -versorgung, greifen auf dieselbe Datengrundlage zu.
Die anfallenden Datenmengen sind manuell nicht mehr zu beherrschen. Erst KI zur Verarbeitung, zur echtzeitnahen Auswertung und zur Entscheidungsvorbereitung macht Daten führungsrelevant. Die nächste Stufe ist die so genannte agentische KI, die durch parallel arbeitende KI-Agenten die Planung und Führung laufender Operationen entlang der Führungsvorschriften beschleunigt. Doch wer entscheidet am Ende? Immer der militärische Führer. Nachvollziehbarkeit, Zertifizierbarkeit und Verantwortungszuschreibung sind nicht verhandelbar; KI schafft die Grundlage, sie ersetzt nicht den Befehl.
Interoperabilität als Grundlage
Die Digitalisierung des Heeres verläuft schrittweise. Alte und neue Systeme koexistieren über Jahre, die Verbände sind unterschiedlich weit. Diese Mischausstattung hält nur eine offene Architektur mit dokumentierten Schnittstellen zusammen, über die Streitkräfte und Industrieunternehmen ergänzende Fähigkeiten integrieren, statt sie neu zu beschaffen. Denn keine Nation in Europa zieht allein in einen Krieg, und kein Hersteller liefert allein alle Fähigkeiten. Was die Landstreitkräfte brauchen, ist ein „System of Systems“: viele spezialisierte Fähigkeiten, eingebunden in ein stimmiges Gesamtsystem, in dem digitaler, Daten- und KI-Backbone zusammenwirken. Offenheit ist hier keine technische Kür, sondern die Bedingung von Bündnisfähigkeit und damit auch von Souveränität.
Seite an Seite: partnerschaftliche Beschaffung
Kein System bleibt überlegen, kein Vorteil ist von Dauer, und die Goldrandlösung ist der falsche Maßstab. Software entwickelt sich in Tagen und Wochen, Vergabeverfahren oft in Monaten und Jahren. Diese Lücke schließt kein herkömmliches Lastenheft, sondern ein Modell, das auf Partnerschaft statt Lieferbeziehung setzt: die Truppe von Beginn an einbinden, mit klaren Abbruchmeilensteinen entwickeln, auf Übungen direkt unterstützen und Neuerungen unmittelbar einspielen. Ein solches Modell braucht einen resilienten Partner, denn Software lässt sich nicht bevorraten. Sie erfordert kontinuierliche Weiterentwicklung und die Fähigkeit, Betrieb und Updates auch dann aufrechtzuerhalten, wenn ein Entwicklungsstandort unter Druck gerät.
Auf Seiten der Streitkräfte setzt das eine digitale Organisation voraus: verteilte Fachexpertise, digitale Grundbefähigung und eine Führungskultur, die den Austausch mit der Industrie trägt. Hier, in der Kette aus Anforderung, Architektur und Fähigkeit, entscheidet sich, ob ein Programm wie D-LBO (Digitalisierung landbasierter Operationen) wirklich trägt. Die Reibung sitzt erfahrungsgemäß in dieser Kette, nicht in einzelnen Systemen. Dafür braucht es agilere Vertragsmodelle, verlässliche mehrjährige Finanzierung und eine Beschaffungslogik, die dimensionsübergreifende Datenplattformen als eigene Kategorie denkt, statt sie entlang alter Zuständigkeiten zu zerschneiden.
Das Prinzip im Betrieb
Das Battlemanagement System SitaWare zeigt diese drei Voraussetzungen im laufenden Wirkbetrieb.
Die verbindende Software-Schicht ist bereits Realität. SitaWare ist bei der Bundeswehr im Mission Enabling Service Bundeswehr (MESBw) in unterschiedlichen Ausprägungen implementiert. Im Heer bilden SitaWare Headquarters, SitaWare Frontline und SitaWare Edge den durchgängigen Führungsverbund vom Gefechtsstand bis zum abgesessenen Soldaten. Genutzt wird es auch in den Dimensionen Luft und See, was für die Bestrebungen des Heeres zu Multi-Domain Operations (MDO) entscheidend ist.
Dass die offene Architektur geübte Praxis ist, zeigt die Breite der Integration. SitaWare ist bereits heute ein De-facto-Standard: Über 50 Nationen, darunter 20 NATO-Mitglieder, sowie die NATO selbst nutzen die Software. Das 1. Deutsch-Niederländische Korps führt mit SitaWare Headquarters ein Lagebild über zwölf Nationen zusammen, und auch die NATO-Kommandostruktur nutzt das Führungsinformationssystem zur Kriegsführung ihrer Landstreitkräfte. Unzählige Anbindungen an Systeme von Industriepartnern und die Weiterentwicklung durch die Streitkräfte belegen, dass die Plattform aufnimmt, statt abzuschotten. Die Erprobung erfolgt regelmäßig unter realistischen Koalitionsbedingungen, etwa in Übungen wie BOLD QUEST und CWIX.
Was partnerschaftliche Beschaffung konkret bedeutet, zeigt SitaWare Insight: eine dimensionsübergreifende Datenplattform, in kurzer Zeit aus konkretem Anwenderbedarf entstanden, nicht als mehrjähriges Großprojekt. Anforderungen aus dem Feld fließen über strukturierte Nutzerrückmeldungen und gemeinsame Testphasen direkt in die Weiterentwicklung ein. Systematic ist auf Übungen vor Ort, unterstützt bei der Befähigung und speist die Erfahrungen unmittelbar in das Produktmanagement zurück. Die Entwicklung ist über mehrere Länder innerhalb des Gebiets der NATO und EU verteilt, damit Betrieb und Weiterentwicklung auch im Kriegsfall gewährleistet sind.
Der Maßstab
Wer Führungsfähigkeit beschaffen will, sollte nicht die Länge der Systemliste zum Kriterium machen, sondern die Frage stellen: Werden aus Daten im Gefecht schneller Entscheidungen als beim Gegner? Dieses Ziel hat ein Datum: 2029. Jede Beschaffungsentscheidung bis dahin muss sich an den drei Voraussetzungen messen lassen. Der Weg dorthin erfordert einen engen Schulterschluss zwischen Truppe, Beschaffern und Industrie. Wir stehen bereit, ihn als agiler Partner mitzugestalten.
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